Warum schreiben manchmal schwierig ist

20.03.2017 - Eigentlich ist ein Blog ja eine feine Sache. Das Schreiben macht Spaß und meistens findet sich auch ein Anlass über den es sich zu berichten lohnt. Doch ich habe auch eine Verantwortung, wie ich über meine Erlebnisse schreibe, von was ich berichte und wann nicht-berichten angemessener ist. Das hier sind einige meiner Gedanken dazu und ich hoffe damit auch einige von euch zum nachdenken zu bringen.

Natürlich soll mein Blog weder rassistisch noch irgendwie kolonialistisch sein, aber ist ein Freiwilligendienst an sich nicht etwas kolonialistisches? Ich, als weiße, unausgebildete, priveligierte Europäerin komme in ein anderes Land mit Vergangenheit und leiste einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst. Aber was soll ich denn entwickeln?

Von Kolonialismus geprägte Gesellschaft

Die südafrikanische Gesellschaft ist von Kolonialismus geprägt. Durch die frühe Besetzung des Kaps durch die Niederländer, sowie den Engländern später und durch die Zwangsmigration von Sklaven von der Ostküste Afrikas und Indiens nach Südafrika, ist eine unfassbar vielfältige, aber auch komplexe Gesellschaft entstanden. In dieser Gesellschaft kommen mir Apartheid und koloniales Denken, unter anderem das separieren verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in „Wir und die Anderen“ („Wir Afrikaaner sind…, die Colourds sind alle…, und die Xhosa alle...“) noch sehr präsent vor.

Die deutsche/europäische Weltanschauung scheint aber auch noch, zumindest teilweise, vom Kolonialismus geprägt zu sein. Europäische Werte, wie um Beispiel Demokratie, Geschlechterverhältnisse und Wirtschaftssysteme werden als die Norm angesehen, an dem sich alles, was irgendwie anders ist unterordnen und messen muss und als „weniger entwickelt“ und „noch nicht so weit“ angesehen wird, wobei die Gründe für das „anders sein“ nicht weiter hinterfragt werden. Die Sicht auf Länder die nicht „westlich“ sind, ist immer ein wenig von oben herab, da sie nach europäischem Standard noch „entwickelt werden“ müssen („Entwicklungshilfe“) und von daher arrogant, das die Gründe für fehlenden Wohlstand nicht bei sich selber und als Konsequenz der westlichen Ausbeutung angesehen werden und sich der Verantwortung entzogen wird. Das ist nicht auf Südafrika bezogen, sondern mein Eindruck auf den generellen Umgang mit post-kolonialistischen Ländern des globalen Südens.

Privilegien

Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass ich und wahrscheinlich auch die meisten von euch Privilegien genießen. Mit einem deutschen Reisepass kann ich ohne größere Probleme in fast jedes Land der Welt reisen. Auch wenn ich nicht unfassbar reich bin, besitze ich im Vergleich zu vielen Menschen große finanzielle Mittel. Ich gehöre zu den Menschen, die von struktureller und globaler Ungleichheit profitieren. Auch wenn ich das nicht unbedingt gut oder fair finde, trage ich einen Teil der Verantwortung mit. Und mit der gleichen Verantwortung als privilegierte Europäerin berichte ich. Dabei ist es leicht in koloniale Fußstapfen zu treten, denn es ist leicht schnell zu werten und eine Gesellschaft und Gegebenheiten an europäischen Maßstäben zu messen. Außerdem käme das nicht meiner Rolle, als unausgebildete Freiwillige, gerecht, die ja eigentlich hergekommen ist um von einer anderen Kultur zu lernen.

Das wahre Südafrika

„Hast du schon das wahre, echte und authentische Afrika kennen gelernt?“, wurde ich schon gefragt. Jeder hat durch seine Erziehung und Bildung ein Bild oder auch mehrere von Afrika im Kopf. Davon abgesehen, dass Afrika kein Land, sondern ein sehr vielseitiger und komplexer Kontinent mit vielen verschiedenen Kulturen ist, stellt sich aber auch die Frage, was denn das authentische Afrika ist.

Googelt man Afrika oder Südafrika ist die Vielfalt der Bilder eher gering. Immer wieder tauchen die gleichen Stereotype und Vorstellungen auf, die als das wahre, authentische Südafrika angesehen werden. Wir glauben also zu wissen, was uns in einem bestimmten Land erwartet, ohne jemals dort gewesen zu sein. Auf Grund dieser Vorurteile bilden wir Denkmuster, in die wir Situationen einordnen und bewerten ob diese nun typisch für das Land sind oder nicht, obwohl wir uns in der Kultur nicht richtig auskennen. Am liebsten möchte man seine Vorurteile bestätigen und sucht nach den Erlebnissen, die einem das ermöglichen.

Was heißt das für meinen Blog?

Das Schreiben birgt die Gefahr, grade in solche Denkmuster zu verfallen und die Vorurteile immer wieder zu bestätigen ohne die anderen Seiten des Landes zu zeigen, in dem man ist, da man sie vielleicht nicht zu sehr wahrnimmt. Gleichzeitig ist der Blog auch eine Möglichkeit eben diese Denkmuster und Vorurteile zu überwinden und in Deutschland das Bild in den Köpfen zumindest einiger Menschen zu verändern. Und das ist nicht so leicht, denn wenn ich zum Beispiel schreibe, dass ich an einer Quelle Wasser in Kanistern holen war, dann hat man sehr schnell ein bestimmtes Bild im Kopf. Das Bild zeigt eine staubige Straße und ein paar Frauen, die Dinge auf dem Kopf transportieren und Wasser schöpfen. Das habe ich zwar auch schon gesehen, aber in unseren Fall sind wir mit dem Auto an einen Ort gefahren, der direkt neben der Autobahn liegt, wo das Wasser aus einem Hahn kommt, und man seine Kanister umsonst auffüllen kann.

Ich bekomme nur einen winzigen Teil Südafrikas in einem Jahr mit. Das Land ist riesig und hat eine lange Geschichte und wenn ich mich für einen Teil der Kultur nicht interessiere, werde ich darüber hier auch nichts lernen. Deshalb bin ich kein Südafrika-Experte. Ich habe nur meine eigenen subjektiven Erfahrungen, die niemals neutral oder vollständig sein können. Alles worüber ich berichte kann niemals Verallgemeinert werden. Gleichzeitig versuche ich auch nicht zu verallgemeinern was ich sehe, höre und erlebe.

Manchmal ist es schwer zu schreiben, denn ich werte auch noch viel zu sehr, vergleiche zu schnell und bemerke zu oft, wie sich meine Vorurteile bestätigen, weil ich eher darauf achte, als sie zu widerlegen. Aber ich habe es mir zur Aufgabe gemacht jetzt mehr darauf zu achten.

Hier sind ein paar Links, Buchtipps und Inspirationen, die mir helfen mit Rassismus und Post-Kolonialismus umzugehen.

Vielleicht hat ja der ein oder andere Lust sich weiter damit zu beschäftigen.

Allgemein:

Südafrika:

  • Der lange Weg zur Freiheit von Nelson Mandela. Hat viele, viele Seiten, aber lohnt sich eindeutig zu lesen.
  • Fuck White Tears von Annelie Boros (www.vimeo.com/177627840). Eine ehemalige Freiwillige berichtet in diesem Film über die Studentenproteste hier in Südafrika und was das eigentlich mit Rassismus zu tun hat.